Es gibt gute und schlechte Vorlesungen.
Es gibt Vorlesungen, die man regelmäßig besucht (im Zweifelsfall, weil es als Teilnehmerprämie eine Klausurzulassung zu gewinnen gibt) und solche, die man im Heimstudium absolviert.
Es gibt Vorlesungen, für die liest man nur die zugehörigen Folien, die der Dozent ins Netz stellt, und solche, für die bemüht man auch noch Zusatzlektüren, um den Stoff vollständig verarbeiten zu können.
Und es gibt Vorlesungen, da lernt man mehr aus der Lektüre von Wikipediaartikeln als der Dozent oder seine Folien einem je vermitteln könnten. Das sind dann Vorlesungen von Gutjano van Astiva.
Gutjano ist kein dummer Mann, schon gar nicht was sein Fachgebiet, die Plasmalinguistik, angeht. Gutjano ist ein versierter Forscher und hat sich dank diverser wissenschaftlicher Papiere zum Evolutionsverhalten maligner Wortkürzungen im angelsächsischen Raum einen Namen in der Fachwelt gemacht.
Das abstrakte Problem: Um zu forschen, arbeitet Gutjano an einer Universität. Und Universitäten haben Studenten. Diese wollen unterrichtet werden. Also denkt sich die Universität, lassen wir doch unsere forschenden Mitarbeiter Lehrstellen besetzen, bevor die Stellen leer bleiben. Und Gutjano denkt sich, okay, bastel ich rasch ein paar Folien und erzähl was zu sprachwissenschaftlichen Grundlagen, ich weiß ja genug darüber.
Das konkrete Problem: Die Universität, die besuche ich. Den Grundlagenkurs, den besuche ich. Mein Dozent, das ist der Gutjano. Und bei aller liebe, der Kurs ist so lehrsam wie Schläge auf den Hinterkopf. Man weiß nachher, dass man es nicht noch mal erleben will.
Die Vorträge, für die Anwesenheitspflicht besteht, übersteht man am Besten mit aufgeklapptem Laptop, denn dann kann man wenigstens im Internet die Themen recherchieren, die vorne an der Leinwand stichwortartig erscheinen. Die restlichen Worte, die sich um diese Stichworte scharren, sind halbgare Beschreibungen und indirekte Fragestellungen, die suggerieren, dass in den ihnen folgenden Absätzen spezifischere Informationen zur genannten Problemstellung zu finden sind. Übrigens ein super Beispiel für die Differenz zwischen Erwartung und Realität.
Zudem hatte er noch den ultimativen Einfall, die für den Kurs vorgesehenen Übungen durch Vorlesungen zu ersetzen, um mehr Stoff durchzubringen. „Wir üben dann in jeder Stunde ein wenig“, hatte er gesagt. Getan haben wir das im gesamten Semester zwei Mal.
Als ob die Zeit mit Gutjano nicht schon schlimm genug wäre, als er zwei Wochen vor der Klausur einfach mir den Worten „den Rest können sie im Selbststudium machen“ entschwindet, offenbart sich mir erst das volle Ausmaß der Katastrophe. Waren die Folien schon während des Vortrags äußerst konfus, sind sie nun ohne Gutjanos Kommentare für die Wiederholung völlig wertlos.
Begriffe werden gegenübergestellt, ohne Erklärung, ob sie ergänzend oder kontrastiv sind. Definitionen werden gegeben, aber keine Beispiele. An anderer Stelle muss man sich anhand eines Beispiels die Funktionsweise eines Algorithmus herleiten, übersieht dabei aber, dass dieser sich in den meisten Fällen vollkommen anders verhält.
Irgendwann gebe ich mich dann geschlagen und praktiziere Hilfe zur Selbsthilfe. Gutjanos Folien wandern in den Papierkorb, ich reagiere meine Wut an Leuten, die nichts damit zu tun und auch nichts böses getan haben, ab und dann mache ich mich auf die Suche nach anderen Quellen des Wissens. Und da Plasmalinguistik nicht bei Amazon verkauft wird, nicht auf MySpace thematisiert wird und auch sonst nicht im Fokus der Öffentlichkeit steht, lande ich schnell dort, wo ich angefangen habe: Vorlesungsfolien.
Drei Kreuze mache ich, dass es sich nicht wie bei so mancher Hausaufgabe verhält, für die man unbekannte Begriffe in Google sucht und als einziges Ergebnis die Aufgabenstellung des eigenen Kurses findet.
Nein, ich lande stattdessen bei artverwandten Vorlesungen fremder Universitäten. Und wo kriege ich diesmal das gesuchte Wissen? Aus Bielefeld! Bedeutet das, dieses Wissen existiert gar nicht real? Oder ist Gutjanos Lehrstil nur ein geschickter Plan, uns der Bielefelder Propaganda auszusetzen? Werde mal Karl fragen, der weiß über solche Dinge besser bescheid.